Geht Hygiene auch ohne Müll?

06. Feb 2022


Infusionsschläuche, Einwegspritzen, Schutzausrüstung – ein Praxisalltag ohne Plastik ist nicht vorstellbar. Wenn ein Sektor von Kunststoffen  abhängig ist, dann das Gesundheitswesen.


Rund ein Viertel des Krankenhausabfalls besteht aus Plastik und dieser kann derzeit aufgrund seiner Zusammensetzung nicht recycelt werden. Dass Hygiene und Sterilität kompromisslos einzuhalten sind, liegt im Gesundheitswesen auf der Hand, weshalb Kunststoffe klare Vorteile bieten: sie sind sauber, günstig und leicht zu verarbeiten. Die deutsche Initiative PraktischPlastik ist auf der Suche nach möglichen Recyclingwegen für Abfälle aus dem Gesundheitswesen. Hersteller von Kunststoffartikeln sollten den Recyclingschritt gleich mit­bedenken, denn nicht jeder Kunststoff ist recyclebar, je mehr unterschiedliche Materialien enthalten sind, desto komplizierter wird die Entsorgung.

Foto:© Jacob Lund, / AdobeStock

Laut der Initiative sind Krankenhäuser der fünftgrößte Müllproduzent in Deutschland. Im Schnitt fallen pro Patient und Tag bis zu 400 Gramm Plastik an – unter normalen Umständen. Die Pandemie hat den Einsatz von Plastik natürlich stark angehoben. Diesen Anstieg bestätigt eine Hochrechnung des Bunds für Umwelt und Naturschutz: aktuell könnten allein in Baden-Württemberg knapp 80 Tonnen Maskenmüll pro Tag anfallen, wenn die medizinischen Masken nach dem einmaligen Privateinsatz entsorgt werden. Zum Leidwesen aller sind OP- und FFP2-Masken nicht recyclebar und müssen, genauso wie Gummihandschuhe, im Restmüll entsorgt werden.


HINWEIS

Falsche Entsorgung kann Folgen haben, allein ein Paar Gummihandschuhe können ganze Gelbe-Sack-Anlieferungen unbrauchbar für das Recycling machen, so der Bundesverband der Deutschen Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE).

Auch im Restmüll müssen PoC-Antigentests, sog. Schnelltests, landen. Diese sind zwar mit Kunststoff umhüllt, neben dem Kartonstreifen enthalten sie aber eine stark verdünnte Chemikalie, die austreten könnte. Abgesehen davon muss auch bei der Entsorgung der „Einzelteile“ auf die Müllzuordnung geachtet werden: die Außenhüllen bestehen entweder aus Folie oder Karton, also Restmüll oder Altpapier, dazu kommt eine Packungsbeilage, ein Hygienebeutel aus Plastik für die Entsorgung des Wattestäbchens – das Stäbchen selbst natürlich aus Kunststoff und Textilfaser, wiederum ein­gepackt in Plastik – sowie die separate Verpackung des eigentlichen Tests, auch wieder Folie. Da müssen Verbraucher den Überblick behalten, was wie entsorgt werden darf.

Forscher der Chinesischen Akademie der Wissenschaften schätzen den durch die Pandemie weltweit entstandenen Müll auf rund 8,4 Millionen Tonnen. Und das ist nur die Hochrechnung bis August 2021. Die Folgen der Entsorgung trägt überwiegend das Leben in den Ozeanen, denn in diesen sind bereits ca 25.000 Tonnen des Corona-Plastikmülls gelandet, so der Bericht eines Forscherteams im Proceedings der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften. Laut Nabu e. V. verenden jährlich bis zu 135.000 Meeressäuger und bis zu einer Million Meeresvögel durch Wegwerfplastik. Was passiert mit dem Müll im Meer? Er kommt zurück zu uns: Entweder wird er an unserem Badestrand angespült, oder landet als Mikroplastik im Fisch wieder auf unseren Tellern. Wenn er nicht in unserem Bauch landet, dann vielleicht in den Bäuchen von Meeresvögeln, die wiederum mit vollem Plastik-Magen verhungern und sterben. Das Meer ist natürlich nicht für alle präsent um das Schau(er)spiel des Mülls beobachten zu können, doch auch im Inland leiden die Tiere unter Corona-Müll. Häufig verfangen sich Igel und Eichhörnchen, mitunter auch Vögel, in den Schnüren der Einwegmasken und verenden. Tierschützer bitten deshalb darum, die Masken in entsprechenden Abfallbehältern zu entsorgen und die Schnüre an der Maske vorher zu lösen.

Lösungsansatz für Kunststoffrecycling aus Österreich
Das Unternehmen OMV mit Sitz in Wien arbeitet derzeit an der Technologie ReOil®: ausgediente Kunststoffe sollen dabei in synthetisches Rohöl umgewandelt werden, aus dem wiederum neue Kunststoffe entstehen können. So würde auch nichtsortenreines Altplastik, das bisher noch nicht recycelt werden konnte, wieder sinnvoll genutzt. Dieser Recyclingvorgang würde sogar die Erdöl-Problematik lösen, vielleicht sogar bevor die Erdöl-Ressourcen erschöpft sind. Unsere Welt braucht mehr solche Lösungen für die Kreislaufwirtschaft, denn allein Technologien wie ReOil® können einen Recyclinganteil bei Kunststoffen von bis zu 60 Prozent erhöhen. Umweltschutz und Recycling sind Themen, die uns nicht erst seit gestern betreffen. Die Langzeitfolgen von schädlichen Umwelteinflüssen werden durch Forschung und Medizin allerdings jetzt erst richtig erfassbar: So fanden Forscher der Universität Marburg heraus, dass Mikroplastik Gefäßerkrankungen auslösen kann. Das ist nur eines von vielen Beispielen, abgesehen von Feinstaub in der Luft oder Beeinträchtigungen durch Verkehrslärm, wie sich Umweltverschmutzung bei uns selbst bemerkbar machen kann.
Viele Ärzte engagieren sich mittlerweile im Umweltschutz, dieser kann bei den Patienten, oder bei der Praxisorganisation beginnen. Klar muss allerdings allen sein: Es muss groß umgedacht werden, denn Klima- und Umweltschutz funktionieren nur in intakten Ökosystemen. Vor allem in den Weltmeeren, der größten CO2-Senke unseres Planeten.

Giftig für uns und Mutter Natur
Polyvinylchlorid (PVC) hat keimreduzierende Eigenschaften und ist außerdem einfach zu reinigen. Trotz seiner Weich­macher wird PVC „bedenkenlos“ im Gesundheitssektor intensiv eingesetzt. Das im PVC enthaltene Phthalat DEHP kann laut Forschern der Katholischen Universität Löwen in Belgien unter anderem die neurokognitive Entwicklung junger Intensivpatienten beeinträchtigen.


HINWEIS

DEHP darf weder in Kosmetika, Lebensmittelumver­packungen noch in Kinderspielzeug zum Einsatz kommen. Bei Bluttransfusionen und Hämodialysen werden hingegen hohe Expositionen nicht hinterfragt. Bei künstlich beatmeten Patienten sind die DEHP-Konzentrationen sehr hoch, so die Forschenden.

In vielen Bereichen wird man weder aktuell noch in naher Zukunft keine revolutionären „Recyclingdurchbrüche“ erzielen können. Denn es gibt Problematiken, die nur durch wissenschaftliche, industrielle und gesamtgesellschaft­liches Engagement gelöst werden können. Aber wie heißt es so schön: Viele Tropfen ergeben ein Meer. So können im  (Praxis-)Alltag schon kleine Veränderungen zu großen Verbesserungen führen: Wem Umverpackungen als unnötig erscheinen, kann gezielt die Lieferanten auf Alternativen ansprechen und einen entscheidenden Impuls in die richtige Richtung geben.

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen