Der ermittelte Praxisgewinn und die reale Liquidität – wo ist mein Geld?

Der ermittelte Praxisgewinn entspricht in der Regel nicht dem tatsächlich verfügbaren Geld – vielen Niedergelassenen geht es so, wenn sie ihre Betriebswirtschaftliche Auswertung im Vergleich zu den eigenen Aufzeichnungen betrachten. Die Betroffenen können sich nicht erklären, wie es zu dieser Diskrepanz kommen kann.
Marc-Andreas Hustedt, Steuerberater der Kanzlei Hammer & Partner, Mitglied im Vorstand der meditaxa Group e. V., klärt die Ursachen:


interview meditaxa

Viele Ärzte stellen beim Gespräch mit ihrem Steuerberater fest, dass der Jahresabschluss überhaupt nicht mit dem Banksaldo oder der eigenerbrachten Finanzanalyse übereinstimmt. Grund zur Panik?
Hustedt: Nicht unbedingt. Es gibt mehrere Gründe, weshalb der Praxisgewinn nicht der „realen“ Liquidität entspricht – nur teilweiseabzugsfähige Aufwendungen, Privatanteile bei der Kfz-Nutzung, Tilgungsleistungen, bei denen nur der in der Rate enthaltene Zinsanteil berücksichtig wird – die Liste für die Gründe ist sehr lang und es gibt einiges, was Ärztinnen und Ärzte beim Vergleich ihrer internen Auswertung mit der BWA des Steuerberaters beachten müssen, um nicht zu verzweifeln.

Stichwort Betriebswirtschaftliche Auswertung und Jahresabschlüsse: Was wird damit konkret dargestellt?
Hustedt: Man muss wissen, dass die Betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) ebenso wie die Jahresabschlüsse gar nicht den aktuellen Stand der Liquidität, sondern ein rein steuerliches Betriebsergebnis abbilden.

Durch welche Faktoren werden die Abweichungen zwischen steuerlichem Ergebnis und Liquidität beeinflusst?

Hustedt: Die BWA erfasst zum Beispiel gar keine Forderungen und Verbindlichkeiten. Da Praxisinhaber ihren Gewinn im Regelfall nach § 4 Abs. 3 des Einkommensteuergesetzes mit Hilfe der Einnahmen-Überschussrechnung ermitteln, werden im Grundsatz nur die Einnahmen- und Ausgaben der Praxis in einem bestimmten Zeitraum betrachtet. Leistungen, die bereits erbracht wurden, aber noch nicht zu Honorarzuflüssen geführt haben – Restzahlung der KV etwa –, bildet die BWA nicht ab. Und auch Eingangsrechnungen, die vom Arzt noch nicht bezahlt wurden, werden ebenfalls nicht beachtet.

Investitionen und Finanzierungen – beispielsweise die Anschaffung eines Ultraschallgerätes, oder die Neuausstattung des Wartezimmers – wie werden diese Positionen behandelt?
Hustedt: Diese bildet die BWA nur mittelbar ab. Nehmen wir das angesprochene Ultraschallgerät: Ein Niedergelassener tätigt diese größere Investition. Dabei hinterlassen weder die zugehörigen Auszahlungen, noch der Zugang des Gerätes Spuren in der BWA. Hier wird das grundsätzliche Prinzip der Erfassung von Einnahmen und Ausgaben partiell durchbrochen, denn im Jahr der Anschaffung wird eben nicht der volle Zahlungsbetrag als Betriebsausgabe erfasst, sondern nur anteilig die „Abschreibung“. Denn bei einer größeren Anschaffung eines einzeln nutzbaren Wirtschaftsgutes werden die Anschaffungskosten steuerlich auf den Zeitraum der betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauer des Wirtschaftsgutes verteilt. Dies nennt man „Abschreibung“. Also ist der abgehende Geldfluss im Jahr der Anschaffung viel höher als die erfasste Abschreibung. Ein Ungleichgewicht, das sich zwar in den Folgejahren wieder ausgleicht. Im Jahr der Anschaffung aber ist der in der BWA dokumentierte Gewinn höher als das liquide Praxisergebnis. Die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer eines jeden Wirtschaftsgutes hat das Bundesfinanzministerium getrennt nach Wirtschaftszweigen in umfangreichen Tabellen festgelegt.

Wie sieht es mit „kleineren“ Anschaffungen aus?

Hustedt: Bei sogenannten „geringwertigen Wirtschaftsgütern“ – also Wirtschaftsgüter, die sich schnell abnutzen (Kleinmöbel, Datenträger, kleinere Instrumente) – dürfen niedergelassene Ärzte diese sofort, also im Jahr der Anschaffung, komplett als Betriebsausgabe steuerlich geltend machen. Die Grenze beträgt seit Januar 2018 800,00 Euro netto. Bei der Prüfung dieser Grenze ist zu beachten, dass zu den reinen Anschaffungskosten Positionen wie Provision, Speditionskosten, Verpackung, Porto, Versand, Montage und – ganz wichtig – auch Aufwendungen, die notwendig sind, um das Gerät in einen betriebsbereiten Zustand zu versetzen, hinzuzurechnen sind.

Zurück zu den großen Investitionen. Gehen wir davon aus, ich als Niedergelassener finanziere mein Ultraschallgerät über ein Bankdarlehen. Auf meinem Konto sehe ich einmal den Zufluss der Darlehenssumme, den Abfluss durch die Anschaffung – der ja, wie ich jetzt weiß anteilig abgeschrieben werden muss – und meine Tilgungsleistung. Was erwartet mich, wenn Sie mir die BWA vorlegen?
Hustedt: In der BWA wird weder der Zufluss des Darlehensbetrages noch die Tilgungsleistung als Einnahme und/oder Ausgabe erfasst. Lediglich die auf das Darlehen zu entrichtenden Zinsen finden dann Eingang in die Aufzeichnung der Betriebsausgaben. Ähnlich verhält es sich übrigens mit den Privatanteilen für die private Kfz- und Telefonnutzung. Auch diese steuerlich notwendigen Korrekturen erhöhen den Gewinn einer Praxis, obwohl die Gesamtkosten für Auto und Telefon vom Praxiskonto abgeflossen sind.

Das sind bereits einige Positionen, die man beachten muss. Wie behält man da den Überblick?
Hustedt: Empfehlen würde man die Führung rein betrieblicher Konten. In vielen Fällen haben Niedergelassene aber gemischte Praxiskonten. Werden nichtbetriebliche Ausgaben von einem solchen Praxiskonto beglichen, können sie im Rahmen der Praxisgewinnermittlung steuerlich nicht berücksichtigt werden, werden also in der BWA nicht erfasst. Entnimmt der Praxisinhaber also Geld von seinem Praxiskonto für die private Lebenshaltung – für die Zahlung von Versicherungsprämien oder die Einkommensteuer – werden diese Beträge nicht als Betriebsausgabe erfasst, schmälern aber den Liquiditätsbestand. Entsprechendes gilt im Umkehrschluss für die Einlage privater Gelder, etwa aus einer fälligen Lebensversicherung. Vollkommen ohne steuerliche Berücksichtigung bleiben auch eventuell vom Praxiskonto getätigte Zins- und Tilgungsleistungen für die private Immobilienfinanzierung.

Der Praxisalltag besteht ja nun nicht nur aus großen Anschaffungen – welche Ausgaben sollte man noch im Auge behalten?

Hustedt: Betriebliche Bewirtungsaufwendungen beispielsweise.
Hier akzeptiert das Finanzamt nur 70 Prozent des Gesamtaufwandes als Betriebsausgabe, obwohl die übrigen 30 Prozent auf dem Praxiskonto als Geldabfluss gebucht werden. Allerdings bleiben diese 30 Prozent bei der steuerlichen Gewinnberechnung unberücksichtigt. Dies gilt ebenfalls für angefallene Reisekosten, sofern deren berufliche Veranlassung im Einzelfall nicht nachgewiesen werden kann. Bei solchen Aufwendungen ist es generell wichtig, diese mit entsprechenden Belegen nachweisen zu können.

Apropos Belege: wenn mein Steuerberater die Zahlungsströme kontiert, kann ich als Praxisinhaber seine Arbeit konstruktiv vorbereiten?

Hustedt: Mit Hinweisen zu den Belegen. Zum Beispiel weist Ihr Kontoauszug Zahlungseingänge auf, die eventuell nur mit einem Namen versehen sind. Der Steuerberater kann nicht wissen, ob es sich dabei um Honorare für kurative Leistungen oder Gutachten handelt, ob ein honoriertes Gutachten für ein Pharmaunternehmen oder eine Versicherung erstellt wurde oder es um einen Befundbericht ging. Die Kennzeichnung solcher Posten etwa mit „GV“ (Gutachten für Versicherung) oder „BB“ (Befundbericht) sind hinsichtlich Umsatzsteuer aber auch betriebswirtschaftlicher Auswertung unumgänglich. Hier sind je nach den mandantenspezifischen Gegebenheiten individuelle Absprachen zwischen ihm und seinem Steuerberater notwendig, damit von ihm auch die richtigen umsatz- und ertragsteuerlichen Konsequenzen gezogen werden können.

Um die finanzielle Stellung meiner Praxis zukünftig besser beurteilen zu können, was würden Sie mir raten?
Hustedt: Jeder Praxisinhaber sollte sich in erster Linie ein gewisses steuerliches Grundwissen aneignen, um die ihm von seinem Steuerberater zugesendeten Summen- und Saldenlisten, BWA und die Einnahmen-Überschussrechnung in etwa zu verstehen. Hierbei hilft der Steuerberater gern. Denn nur so ist jeder Niedergelassene in der Lage, selbst Praxis-Controlling zur Absicherung und Weiterentwicklung seiner wirtschaftlichen Ziele zu betreiben. Und auch das Ergebnis des Jahresabschlusses wirft einen dann nicht sofort aus der Bahn, sollte dieses einmal vom liquiden Ergebnis abweichen.
Zudem empfehle ich eine strikte Trennung zwischen Praxis und privat. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte müssen für Klarheit und Transparenz in der Organisation der Kontenführung sorgen. Vom Praxiskonto sollten neben den praxisbedingten Ausgaben maximal noch als private Ausgaben die Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge, Zahlungen an das Versorgungswerk sowie Steuervorauszahlungen abgehen. Alle anderen privaten Ausgaben sollten über ein privates Konto erfolgen, welches durch Geldüberträge vom Praxiskonto – steuerlich „Entnahmen“ genannt – gespeist wird.
Diese strikte Trennung zwischen Privatem und Beruflichem einzubehalten ist nicht leicht. Von einer konsequenten Trennung kann man aber profitieren: Mit Blick auf das Praxiskonto sieht man, ob noch ausreichend finanzielle Deckung für Privatentnahmen vorhanden ist.


IM INTERVIEW

Marc-Andreas Hustedt
Mitglied im Vorstand der meditaxa Group e.V.
Dipl.-Finanzwirt, Steuerberater und Fachanwalt für Steuerrecht,
Hammer & Partner mbB


Quelle: meditaxa Redaktion

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