Kaiserschnitt auf Wunsch

03. Aug 2020


Hohe Anforderungen an Planung und Aufklärung

Bei einer reinen Wunschsectio – ohne medizinische Indikation – bedarf der Eingriff einer sorgfältigen Planung. Ein solcher Kaiserschnitt auf Wunsch muss mit maximaler Planung vorbereitet werden. Auch bei einer sekundären Wunschsectio ist dieser Standard zu wahren. An die Aufklärung sind, ähnlich wie bei reinen Schönheitsoperationen, hohe Anforderungen zu stellen, da ein Geburtsschadenfall nicht nur außerordentlich tragisch für die betroffene Familie und die behandelnden Ärzte ist, sondern bei bestehender Haftung immense Schadensummen begründet. Die Schadensverhütung ist daher von besonderer Bedeutung und sollte an erster Stelle stehen.
Die Kindsmutter stellte sich in der 39. Schwangerschaftswoche wegen Verdacht auf frühzeitigen Blasensprung und leichter Blutungen in der Klinik vor. Die Umstände wiesen auf eine „natürliche“ Geburt des Kindes hin. Im Kreissaal äußerte die Kindsmutter den Wunsch nach einer Sectio. Alle Anzeichen – Öffnung des Muttermundes und Voranschreiten der Wehen – sprachen nicht für einen medizinisch notwendigen Eingriff. Die behandelnde Ärztin kam dem Wunsch der werdenden Mutter nach und diese wurde – nach einer den Umständen entsprechend kurzen Aufklärung – in den Operationssaal transportiert. Im Verlauf der OP kam es zu schweren Blutungen. Die mitbeklagte Oberärztin wurde während der Operation zu einer parallel verlaufenden Risikogeburt gerufen, bei der es zum Geburtsstillstand mit pathologischem CTG gekommen war. Sie musste den OP-Saal für 14 Minuten verlassen.
Trotz eingeleiteter Gegenmaßnahmen konnte die Blutung der Kindsmutter nicht gestoppt werden. Aufgrund arterieller Blutungen wurden der Chefarzt der Frauenklinik und der Oberarzt der Gefäßchirurgie hinzugezogen. Die werdende Mutter musste mehrfach reanimiert werden. Alle weiteren ergriffenen Maßnahmen halfen nicht, das Leben der Kindsmutter zu retten. Sie verstarb an Multiorganversagen.
Die Kläger, der Ehemann und die beiden Kinder der Verstorbenen, klagten auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, begründet mit dem Vorwurf der fehlerhaften Behandlung und mangelnder Aufklärung des Krankenhausträgers. Nachdem die Klage erstinstanzlich abgewiesen worden war, entschied das OLG Hamm in der Berufungsinstanz, dass die Ansprüche dem Grunde nach begründet seien:
Bei einer reinen Wunschsectio ohne medizinische Indikation muss eine regelmäßige sorgfältige Planung des Eingriffs auch unter personellen Gesichtspunkten erfolgen. Eine solche Operation birgt generell ein hohes Risiko für Mutter und Kind. Dementsprechend bestehe bei einer sekundären Sectio, also dem Eingriff nach Geburtsbeginn, ein beachtenswert höheres Risiko, Uterusgefäße zu verletzen und somit eben auch ein höheres Risiko für Mutter und Kind. Demnach müsse sichergestellt sein, dass eine solche Wunschsectio in jedem Fall mit der zuvor genannten Sorgfalt unter Berücksichtigung aller personellen und organisatorischen Ressourcen wie bei einer geplanten Sectio durchgeführt wird. Eine solche Situation sei, wie vorliegend, in der Nacht außerhalb der Kernarbeitszeit nicht sichergestellt. Wie in diesem Fall musste die zuständige Oberärztin für kurze Zeit den OP – trotz bestehender Blutung – verlassen.
In einer Situation wie in diesem Fall dürfe man sich nicht auf den Wunsch der Patientin einlassen, weil es das erhöhte Risiko bei der sekundären Sectio gebe und die Kindesmutter von dem Eingriff auch keinerlei Vorteil habe. Da es sich um einen medizinisch nicht notwendigen Eingriff handelte, kam der Senat zu der Ansicht, dass einer werdenden Mutter, die überraschend einen solchen Wunsch äußere, auch die bestehende Todesgefahr für sie und ihr Kind deutlich vor Augen geführt werden müsse. Es müsse eine sehr harte Aufklärung erfolgen, die Patientinnen vor Augen führt, in welche Gefahr man sich mit medizinisch nicht notwendigen Operationen bringen kann.


HINWEIS

In deutschen Geburtskliniken werden seit Jahren überdurchschnittlich viele Kaiserschnitte durchgeführt. Auch wenn die zeitlich schwer planbaren natürlichen Geburtsgeschehen gegenüber einem planbaren Eingriff im Ablauf nachteilig sein mögen, und auch wenn der Wunsch der Kindesmutter in Richtung Sectio geht, ist bei einem solchen Eingriff ohne medizinische Indikation auf eine schonungslose Aufklärung und deren Dokumentation Wert zu legen. Andernfalls besteht ein hohes und vermeidbares Haftungsrisiko.

Quelle: OLG Hamm, Urteil vom 10.12.2019 – I-26 U 2/18 | meditaxa Redaktion

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